Mehrtägige Radreise

in die Schleswig-Holsteinische Schweiz
07-09. 07. 2020

Am ersten Tag unserer Reise, Montag dem 06.07., brachte Busfahrer Bernd Morgen die 26 Teilnehmer(innen) wohlbehalten nach Kellenhusen. Dort starteten wir unsere vier Radwandertage unter der Leitung von ADFC-Radwanderführer Reinhard Bendfeldt und seiner Begleiterin Hanna. Wir radelten von Kellenhusen zunächst auf dem Deich an der Lübecker Bucht bei stürmischem Westwind nach Südwesten. Nach etwa 3km bogen wir nach rechts ab in Richtung Cismar und erreichten das Städtchen mit seiner bedeutenden Klosteranlage aus dem Jahre 1235, vorbei an mächtigen, uralten Kopfweiden. Die im Kloster lebenden Benediktinermönche führten ein unsolides Leben, was schließlich zur Auflösung des Klosters führte. Heute gehört es zur Stiftung Landesmuseum und war leider montags geschlossen, wie fast alle Museen. Ein Spaziergang um das gepflegte Klostergelände führte zu einem Gedenkstein, der aufgestellt wurde zum Gedenken an die Abschaffung der Leibeigenschaft in Ostholstein im Jahre 1784.

Durch das hügelige Gelände radelten wir weiter bei unvermindert starkem Wind zum Erdbeerhof Moudin, wo mit Kaffee und Kuchen im windgeschützten Gartencafé Kraft für die Weiterfahrt geschöpft werden konnte. Reinhard führte die größtenteils mit E-Bikes ausgestatteten Bramscher Landfrauen auf Nebenstrecken durch sehr hügeliges Gelände zum Gut Brodau, das wir uns anschauen durften. Früher führte eine hölzerne Klapp- bzw. Drehbrücke zum als Wasserburg angelegten Gutshof, heute eine Brücke aus Stein mit einem schönen Torhaus mit Glockenturm. Diese Glocke erklang, wenn Feinde sich nahten. Auf dem Gutshof beeindruckt das Haupthaus als ältestes zweigeschossiges Fachwerkhaus Schleswig-Holsteins. Links und rechts davon auf dem weitläufigen Gelände befinden sich lange Wirtschaftsgebäude. Vom Haupthaus gesehen besitzt das rechte Gebäude einen wunderschönen Fachwerkgiebel mit einer Kirchenglocke auf dem Dachfirst. Hinter dem Giebel befindet sich nämlich ein Kirchenraum. Somit konnten die Arbeiter auf dem Gut am Gottesdienst teilnehmen, ohne das Gut verlassen zu müssen.

Nach 39km erreichten wir etwas erschöpft das Arborea-Hotel in Neustadt.

Am zweiten Tag, Dienstag, dem 07. 07., starteten wir um 9Uhr mit unseren Rädern nach Norden und erreichten nach wenigen Kilometern das ursprünglich von Seeräubern angelegte Gut Sierhagen. Gebaut wurde auch dieses Gut als Wasserburg, die allerdings als Besonderheit zwei Torhäuser besitzt. Der kopfsteingepflasterte Hof wird von drei Seiten eingerahmt von gepflegten Wirtschaftsgebäuden, zum Teil mit blühenden Rosenstöcken geschmückt. Das im klassizistischen Stil 1825 erbaute Herrenhaus ist das jüngste Gebäude auf dem Hof und wurde von dem französischen Architekten Chateauneuf auf der alten Bausubstanz errichtet. Zum Gut gehört eine landwirtschaftlich genutzte Fläche von 1650ha.

Auf gut ausgebauten Wegen radelten wir etwa 10km in nördlicher Richtung zum Gut Hasselburg. Es ist weithin bekannt durch Konzerte in der dortigen Musikscheune, einem aus dem 12. Jahrhundert stammenden Gebäude mit dem größten Reetdach Norddeutschlands, in das keine Decke eingezogen ist. Dort finden u.a. Konzerte im Rahmen es Schleswig-Holsteiner Musik-Festivals statt. Das Anwesen wird durch die Stahlberg-Stiftung unterhalten.

Nur wenige km weiter kamen wir an der „Alten Schule“ vorbei, einem schlichten Gebäude aus dem Jahre 1837. Die Schule wurde nicht immer in einem Dorf errichtet, sondern außerhalb, damit die Kinder aus mehreren Dörfern alle den ungefähr gleich langen Schulweg hatten.

Gleich um die nächste Straßenecke wartete das Ehepaar Kurth auf uns, um uns ihre Wassermühle in Funktion vorzuführen und zu erklären: Ungewöhnlich für ein mittelschlächtiges Wasserrad befindet es sich im Keller des aus dem 13. Jahrhundert stammenden Mühlenhauses. Gespeist wird es durch aufgestautes Wasser der Krempe. Ab 1750 wurde die Kornmühle verpachtet und schließlich an die Familie Johann Heinrich Kurth III verkauft, die sie in mehreren Generationen betrieb. Um 1970 begann das Mühlensterben, und die Mühle stand 30 Jahre still. Um 2000 entschied sich Johann Heinrich Kurth III zur Renovierung, und heute ist sie für das Schaumahlen wieder in Betrieb.

Die Drehung des Wasserrades wird durch eine Welle auf Kegelzahnräder übertragen, wobei die Zähne der ineinander greifenden Räder bei dem einen aus Eisen und dem anderen aus Eschenholz bestehen. Die trapezförmigen Querschnitte der Zähne haben innen eine kleinere Fläche als außen, weil der Radumfang außen größer ist als innen und die Zähne breiter werden müssen. Mit Kegelzahnrädern lässt sich die Drehbewegung beschleunigen und umlenken, so dass über dem Wasserrad im Keller der obere Mühlstein oben im Gebäude gedreht werden kann. Während längerer Dürreperioden kann der Antrieb über einen 100 Jahre alten stationären Dieselmotor erfolgen.

Wir setzten unsere Radtour mit Rückenwind von ca. 5Bft nach Norden fort und erreichten mittags Lensahn. Im dortigen Freilichtmuseum hatten wir eine Mittagspause. Auf gut ausgebauten Wegen radelten wir weiter nach Oldenburg in Holstein, wo der Bus auf uns wartete. Der angekündigte Regen veranlasste die Hälfte der Gruppe, mit dem Bus nach Heiligenhafen zu fahren. Die Unentwegten setzten die Fahrt mit dem Rad fort: Durch sehr hügeliges Gelände fuhren wir durch Alleen aus Eichen und Linden Richtung Ostseeküste mit wunderbaren Aussichten auf die uns zu Füßen liegende blaue Ostsee. Gerade noch vor dem angekündigten Regen erreichten wir nach 55km Heiligenhafen und unseren Bus. Bernd Morgen verschaffte uns auf einer Rundfahrt durch das Ostseebad einen Eindruck von Heiligenhafen und brachte uns durch den inzwischen eingesetzten kräftigen Regen sicher nach Neustadt zurück.

Am dritten Tag, Mittwoch, dem 08.07., brachte uns der Bus nach Bosau. Die aus Feldsteinen errichtete St. Petri-Kirche war der Ausgangspunkt der Christianisierung in Schleswig-Holstein. Sie wird auch der „Kleinste Bischofsdom der Welt“ genannt. Unsere heutige Radtour begann auf unbefestigten Feldwegen entlang des Großen Plöner Sees und verschaffte uns von dort einen traumhaft schönen Blick über den See auf das Plöner Schloss. Direkt am Ufer des Behler- und Dieksees entlang erreichten wir Malente, schön gelegen zwischen dem Diek- und Kellersee. Nach einer kurzen Pause an der blumengeschmückten Promenade radelten wir weiter zum direkt am Kellersee gelegenen Fissauer Fährhaus. Auf dem Weg dorthin kamen wir am Gut Rothensee auf einer Anhöhe gelegen vorbei. Es entstand durch Um- und Ausbauten aus dem Gut Immenhof, vielen Teilnehmer(innen) noch bekannt durch die dort in den 60iger Jahren gedrehten Filme Mädels, Ferien, und Hochzeit auf Immenhof. Nach der Stärkung im Fährhaus mit einem großen Stück Erdbeer-Sahne-Torte und Kaffee radelten wir weiter nach Eutin, schön gelegen zwischen dem Großen und dem Kleinen Eutiner See. In der Nachmittagssonne erstrahlte das Eutiner Schloss und bot den Hintergrund für unser Zeitungs-Gruppenfoto. Erstmalig wurde das Schloss 1157 erwähnt. Es war rundum von schützendem Wasser umgeben, durch den Eutiner See und ein Grabensystem. Im 18. Jahrhundert verlor es seine Insellage durch Verfüllung der Gräben. Erhalten blieb die ausgeklügelte Wassertechnik, die heute noch für die Wasserkunst im Schlossgarten genutzt wird. In Eutin befindet sich die Kreisverwaltung von Ostholstein und in den 1831 im klassizistischen Stil errichteten Gebäuden vor dem Schloss befinden sich heute das Ostholstein-Museum und die Kreisbibliothek.

Wir setzten unsere heutige Radtour fort in Richtung Neustadt und kamen nach einer nicht enden wollenden Steigung fast auf dem Gömnitzer Berg an, der höchsten Erhebung in der Holsteinischen Schweiz mit 168m über NN. Die letzten Höhenmeter bis zum Turm (ehemaliges Seezeichen) legten wir zu Fuß auf Treppenstufen zurück und wurden belohnt mit einem fantastischen Blick auf Neustadt und die Lübecker Bucht bei unglaublich klarer Sicht. Über Roge gelangten wir nach geradelten 44km zuletzt ohne Pedalbenutzung nach Neustadt zurück.

Nach dem Abendessen lud uns Reinhard Bendfeldtzu einer Stadtführung in Neustadt ein:

Der Hafen bietet Stellplätze für 800 Yachten und beherbergt Marine und Küstenwache. In Neustadt findet die Taucherausbildung der Marine statt. Die Stadt wurde 1247 gegründet und ist mehrfach abgebrannt. Sie besaß ursprünglich vier Stadttore, von denen noch eines, das Kremper Tor übrig ist. Den Toren waren ursprünglich noch weitere Tore vorgelagert. An der Sandsteinbrücke zum Neustädter Binnensee befindet sich ein kleines weißes Haus, das „Brückeneinnehmer-Haus“, an dem die Händler Zoll zahlen mussten. Die aus der Stadt herausragenden beiden Ziegelsteinsilos sollen zu Hostels ausgebaut werden. Neustadt liegt am Mönchsweg, einer alten Pilgerstrecke. An ihm befindet sich die Hospitalkirche, in der früher auch krank gewordene Pilger behandelt und versorgt wurden.

Der frühere Handelshafen (z, B. Fa. Glücksklee) ist heute ausschließlich Yachthafen. Am Neustädter Binnensee soll Störtebecker gewohnt und einmal in einer Woche 12 Schiffe gekapert haben. Seine Burg soll von Merkendorfern (ein Nachbardorf von Neustadt) zerstört worden sein. Den Binnensee dürfen nur Berufsfischer befahren. Jede Art von Wassersport ist dort verboten. Auffällig ist der Pagoden-Speicher am Binnensee. Durch seine Bauweise konnte durch das Dach viel Luft einströmen und das darin gelagerte Getreide trocknen. Auf dem Weg vom Hafen zum Markt liegt das Kaland-Haus. Es besaß einen unterirdischen Gang zum Hafen, durch den Waren geschmuggelt wurden, um sie dann auf dem Markt zu verkaufen. Die Stadtführung begann und endete auf dem Marktplatz. Er gilt als der drittgrößte Schleswig-Holsteins. Das älteste Gebäude dort ist die Stadtkirche, die 1244 erbaut wurde. Seine Stadtrechte erwarb Neustadt im Jahre 1241. Anlässlich der 777-Jahr-Feier soll hier im nächsten Jahr ein Treffen aller Städte mit dem Namen Neustadt stattfinden.

Am 4. Tag der Reise, Donnerstag, dem 09.07., radelten wir von Neustadt nach Süden entlang der Neustädter Bucht bei grauem Himmel, aus dem es nieselte und 14°C Lufttemperatur. Über Sierksdorf und Scharbeutz kämpften wir uns tapfer bis nach Timmendorfer Strand vor durch mittlerweile richtigen Landregen und nur noch 12°C Außentemperatur. Nach 14km waren wir froh, im warmen Bus zu sitzen und die Heimreise anzutreten.